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  • Christian Kromberg

Bericht aus dem Maschinenraum #4

Aktualisiert: Apr 6

Zunächst die Zahlen: Gesamt Fälle COVID-19: 423; Aktuell COVID-19: 263; Verstorben COVID-19: 7; RKI entisoliert: 153; durchgeführte Proben: 3.363; Anzahl negativ: 2.598; Quarantäne angeordnet: 2.543; Quarantäne aktuell: 877; Quarantäne entlassen: 1.666,“ verkündet die zackige Stimme des Kollegen von der Feuerwehr zu Beginn der Lagebesprechung. Es ist Mittwoch, der 1. April 2020, 14:30 Uhr. Im Krisenstabsraum der Essener Feuerwehr haben sich die Mitglieder des ‚Lagezentrums Untere Gesundheitsbehörde (LZ UGB)‘ zum täglichen Strategie- und Informationsaustausch zusammengefunden. Die Tagesordnung wandert von den Zahlen zu problematischen Einzelfällen, kommt auf die aktuelle medizinische Lage in den Krankenhäusern zu sprechen, streift Fragen der Kommunikation und und und. Nach einer guten Stunde endet die heutige Besprechung und die Anwesenden gehen wieder zurück in die vielen Räume im Lage- und Logistikzentrum der Essener Feuerwehr, um alte Aufträge weiterzubearbeiten oder neue Aufträge anzugehen.

Das ‚Lage- und Logistikzentrum‘ ist – wenn man es militärisch ausdrücken will – die Kommandozentrale im ‚Krieg gegen den Virus‘. Hier werden die Strategien entworfen und deren Umsetzung überwacht, hier werden die Ressourcen bereitgestellt und gesteuert, hier wird das Zusammenwirken mit den ‚Verbündeten‘ organisiert und hier wird die Kommunikation mit den Bürgerinnen und Bürgern realisiert.

Das LZ UGB orientiert sich organisatorisch an dem zu durchlaufenden Prozess. Auf unterschiedlichsten Wegen wird ein Verdachtsfall bekannt. Er kann über das Bürgertelefon, ein Krankenhaus, eine Arztpraxis oder ein Pflegeheim ‚rein kommen‘. Über eine Befragung wird dann die Notwendigkeit einer Beprobung festgelegt. Kommt die Person aus einem Risikogebiet, hatte sie Kontakt zu einem Erkrankten oder liegen typische Symptome für eine Coronavirus-Erkrankung vor? Fällt die Entscheidung für eine Beprobung wird ein Team der Feuerwehr mit der Probeentnahme beauftragt. Die Auswertung der Probe wird in Essen ausschließlich in der Virologie des Essener Universitätsklinikums durchgeführt. Nach spätestens 24 Stunden liegen dem LZ UGB die Ergebnisse vor. Im Falle eines negativen Ergebnisses wird die betroffene Person unverzüglich über das für sie günstige Resultat informiert. Ist das Ergebnis hingegen positiv, erfolgt eine intensive Kommunikation mit dem Erkrankten im Rahmen des Quarantänemanagements. Neben den ordnungsrechtlichen Maßnahmen, die der Erkrankte in der angeordneten Quarantäne einhalten muss, sind auch eine Vielzahl von medizinischen, organisatorischen und oft auch sozialen Fragen zu klären. Und was nie vergessen werden darf und auch nicht wird; der Mensch auf der anderen Seite der Telefonleitung ist in einer persönlich schwierigen Situation und bedarf der menschlichen Zuwendung. Von daher gehört eine regelmäßige Kontaktaufnahme zu den Selbstverständlichkeiten der Arbeit der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Lagezentrum. Nach 14 Tagen und 48 Stunden ohne Symptome wird dann die Quarantäne beendet und der ‚Fall‘ ist abgeschlossen.

Jeder Erkrankte kann – und dieser Aspekt ist besonders wichtig – zu weiteren Infektionen in seinem Umfeld geführt haben. Von daher findet im Fall eines positiven Testergebnisses eine umfangreiche Kontaktanalyse statt, um weitere potentielle Verdachtsfälle möglichst schnell – von Amts wegen – zu ermitteln und den soeben beschriebenen Prozess von neuem zu starten.

Hinter diesem Prozessmanagement steht eine aufwendige Logistik. So wurde ein Bürgertelefon eingerichtet, das in der Spitze täglich über anderthalbtausend Anrufe zu bewältigen hatte. Eine präzise Dokumentation über alle Zahlen, Fälle und Ereignisse ist unerlässlich. Die Abstimmungsprozesse zwischen den einzelnen Teams sind zu organisieren und ständig zu optimieren. Präventionsmaßnahmen insbesondere für ältere Menschen und Menschen mit Vorerkrankungen sind zu erarbeiten und umzusetzen. Und der Krisenstab der Stadt und die Öffentlichkeit sind über die Arbeit des Lagezentrums kontinuierlich zu informieren.

Diese kurze Beschreibung unserer Arbeit in der Krise wird der wichtigen und erfolgreichen Arbeit der das LZ UGB tragenden Menschen nur ansatzweise gerecht. Unter der Leitung des Stadtdirektors und Gesundheitsdezernenten Peter Renzel arbeiten die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Gesundheitsamtes und der Feuerwehr mit viel Unterstützung aus der gesamten Verwaltung und weiteren Partnern aus den medizinischen Institutionen unserer Stadt in großem Ernst und sehr viel Teamgeist zusammen. Und unser Krisenmanagement hat auch überregionale Beachtung gefunden; ein sehr lesenswerter Beitrag findet sich in der FAZ vom 16. März 2020 unter der Überschrift ‚Wie die Pandemie im Kleinen bekämpft wird‘.

Erfolgreiches Krisenmanagement wird von Menschen getragen; sie müssen professionell agieren, Mut zur Entscheidung trotz unvollständiger Informationslage haben und die Zuversicht vermitteln, dass nach dem Sturm auch wieder Ruhe einkehrt.

Christian Kromberg, Beigeordneter der Stadt Essen






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